Termin um Termin. 60 € pro Stunde. Ein gutes Dutzend Sitzungen.
Gute Ratschläge. Wichtige Worte. Wertvolle Gespräche.
Aber sobald wir die Praxis verließen, waren wir wieder allein mit dem Alltag.
Mit den Morgen, an denen unser Sohn nicht zur Schule aufstehen wollte. Mit den Abenden, an denen er am Fenster saß, und ich nicht wusste, was in seinem Kopf vorging. Mit Fragen, auf die uns niemand eine einfache, konkrete Antwort gab:
„Was soll ich heute Abend sagen, wenn er aus der Schule kommt und wieder nur ‚gut' antwortet?"
Wir haben für diese Termine mehrere tausend Euro ausgegeben.
Und wir bereuen es nicht — sie haben uns ein Fundament gegeben.
Aber ein Fundament reicht nicht, wenn du jeden Tag ein Haus baust — Stein für Stein — in der Küche, beim Abendessen, im Auto, auf dem Weg zur Schule.
Wir brauchten etwas, das wir immer bei uns haben können. Etwas, das wir um 23:00 Uhr lesen können, wenn das Kind schläft und wir mit einer Tasse Tee dasitzen und uns fragen, ob wir es richtig machen.
Und wir haben es gefunden.
Stück für Stück.
Über ein Jahr lang haben wir Wissen von Psychologen, Pädagogen und Familientherapeuten gesammelt. Wir haben es an uns selbst getestet. An unserem Sohn. An dem, was jeden Tag zwischen uns geschah.
Wir sind gescheitert. Und haben wieder von vorn angefangen.
Und dann sahen wir Veränderungen, an die wir vorher nicht geglaubt hätten.
Der Sohn, der monatelang nicht aus dem Haus gehen wollte, schrieb eines Tages von sich aus einem Freund, dass sie zusammen nach der Schule nach Hause gehen könnten.
Der Sohn, der immer sagte „Ich schaff das sowieso nicht" — fing an, es zu versuchen.
Der Sohn, der sich selbst allein am Fenster gezeichnet hatte — fing an, sich unter anderen zu zeichnen.
Und da haben wir beschlossen, dass wir dieses Wissen nicht für uns behalten können.
Denn irgendwo da draußen sitzt ein Elternteil, das genau wie wir um 22:30 Uhr am Tisch mit kaltem Tee sitzt und nicht weiß, was es tun soll.
Dessen Kind auch allein über den Schulflur läuft. Das auch Beweise in sich sammelt, dass es schlechter, schwächer, weniger wert sei.
Und das es verdient hat, dass jemand das ändert — bevor diese Stille zu etwas wird, gegen das es sein ganzes Erwachsenenleben kämpfen muss.